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Mai 2016

Die Mutgeschichte im Mai kommt von Marita.

Eine Geschichte über mutige Schritte wollte ich gern schreiben. Aber wo, wann, wie war ich denn
mutig? Ist denn das, was ich als mutig ansehe, überhaupt das, was auch andere Menschen als mutig
wahrnehmen? Ich überlegte immer mal wieder, was war denn besonders mutig in meinem Leben?
Was könnte ich schreiben, und wird das überhaupt irgendjemanden interessieren? Bis vor wenigen
Tagen fiel mir also nach wie vor nichts ein, was lohnenswert wäre, hier als Geschichte zu verpacken,
andere daran teilhaben zu lassen. Denn hat nicht jeder Mensch schon mutig agiert in seinem Leben?
Ich glaube doch. Also was soll daran denn nun so besonders sein? Dass ich ganz mutig ganz alleine
regelmäßig in ein Musiklokal ging, obwohl ich niemanden dort kannte? Ja für mich war es mutig, ein
anderer sagt sicher: „na also da ist doch nichts besonderes dabei“. Und somit habe ich auch heute
nicht wirklich ein besonderes Ereignis zu berichten, welches von Mut gekrönt wäre … Vielleicht ist es
ja auch mutig, Euch zu sagen: „ich war nicht mutig, aber trotzdem schreibe ich hier“. Also wie auch
immer … neben so Kleinigkeiten, dass ich mal einen Beziehungskrach der Nachbarn bei der Polizei
gemeldet habe, weil ich plötzlich der Meinung war, da wird etwas gefährlich, den Geräuschen nach zu
urteilen. Dann die Frau, die blutend vor meiner Türe stand. Sie klingelte und weinte, woraufhin ich sie
herein lies und dem Mann klar machte, dass er nicht in meine Wohnung mit rein kommt. Inzwischen
den Krankenwagen noch bestellt, das war mehr als nötig! Ich verbannte später noch den
Schwiegervater, der sich in dem Mehrfamilienhaus, in dem ich wohnte, dann auch in meine Wohnung
gesellte. Denn er versuchte das Opfer zu beeinflussen, es sei doch nichts gewesen und alles nicht so
schlimm. Die Polizisten und Sanitäter waren also zugegen und tingelten zwischen beiden Wohnungen
hin und her. Ja, es war wohl auch mutig, diesem Schwiegervater mal ganz schnell den Weg in die
Richtung zu weisen, in der der Maurer ein großes Loch gelassen hat. Mich einzubringen,
einzumischen hatte sicherlich Risiken mit sich gebracht. Aber über so etwas kann ich leider nicht
lange nachdenken. Das Ohrenzuhalten bzw. die bekannte 3-Affen-Lebensweise liegt mir nicht so
sehr. Da muss man schon mal damit rechnen, dass dann hinterher Gerüchte herumgehen, bei mir sei
ja schwer was los gewesen …Was bin ich aber auch nur für ein schlechter Umgang … Tja, das ist
nicht die einzige Story. Solch kleinere und auch größere Geschichten hätte ich schon auf Lager. Den
Mund aufmachen, nicht Ja und Amen sagen, keine Angst vor „großen Tieren“ haben, einen Mann in
die Wüste schicken, der mich kurz nach meiner Krebserkrankung so mies behandelt, dass mir übel
wurde (ja, auch das war mutig, denn das bedeutete ja auch gleichzeitig, nun alleine klar kommen zu
müssen, obwohl gerade alles noch viel viel schwieriger war). Ja, das alles und einiges mehr hat mich
geprägt, fiel mir nicht leicht und raubte mir nicht nur den Schlaf, sondern auch oft den letzten Nerv.
Dass ich mir ein Eigenheim geschaffen habe, welches komplett finanziert werden musste und muss,
ist doch sicher auch mutig. Oder einem Rechtsanwalt zu trotzen, der ohne Rechnung eine Zahlung
fordert, obwohl die Angelegenheit eigentlich über die Versicherung zu laufen hatte. Er wollte mich
verklagen, meinte er.
So manch einer bezeichnete mich als mutig, weil ich mein Gesangstalent auch vor Publikum zeige,
also vor anderen Menschen etwas von mir preisgebe. Ja, es kostet so manches im Leben etwas
Überwindung, manches auch etwas mehr. Und nicht nur die großen Schritte im Leben, die einige
Menschen wagen, sind es wert, beachtet zu werden, nein auch die kleinen vielen mutigen Schritte, die
so viele Menschen gehen, sind es wert. Ihnen ist aber (wie mir so oft) nicht bewusst, wie mutig es
doch ist solche Schritte zu gehen. So viel zu meiner Meinung zum Thema „mutig sein“.
Dann habe ich aber wie gesagt in den letzten Tagen nachgedacht, welche mutige Geschichte ich
erzählen könnte. Und nun kam ich zu dem Entschluss, mein komplettes Dasein ist Mut. Mut zum
Leben, Mut meinen Charakter zu bewahren, Mut Fragen zu stellen wo manch andere alles einfach so
hin nehmen, Mut meine Fehler einzugestehen, Mut auch mal gegen den Strom zu schwimmen, wenn
es mir wichtig ist, Mut Menschen los zu lassen, Mut neue Menschen in mein Leben zu lassen, und vor
allem: Mut so zu bleiben, wie ich bin.

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©Franziska Molina