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April 2016

Die Mutgeschichte im April kommt von Brigitte.

Ich weiß gar nicht, ob es so besonders mutig war, diesen Schritt zu gehen. Vielleicht hat es Mut
gekostet. Vielleicht auch nur ein kleines Mütchen …
Ich war auf der Suche nach einer Beschäftigung, die mich auch nach Ende meiner Berufstätigkeit
erfüllen würde. Ich kaufte mir einen Aquarellkasten – und legte ihn erst einmal beiseite. Irgendwann
meldete ich mich dann zu einem Kurs an. Fing schließlich Feuer. Und heute ist die Malerei ein
wesentlicher Teil meines Lebens.
Eines Tages keimte die Idee, eine Malgruppe ins Leben zu rufen. Das war für mich ein mutiger Schritt:
noch mal etwas ganz Neues zu machen. Zu schauen, wo man etwas Sinnvolles tun, wo man sich
einbringen, wo man etwas bewirken kann.
Ich wusste damals gar nicht, was ich da eigentlich anzettele und was auf mich zukommt. Ich war aber
auch neugierig: was passiert, wenn ganz unterschiedliche Menschen aufeinander stoßen Es besteht
ja immer das Risiko, dass Menschen nicht miteinander können, dass es Spannungen gibt. Aber auch
die Chance, dass etwas Neues entsteht und wächst.
Gemeinsam mit einer Bekannten stellte ich die Idee der Evangelischen Gemeinde in Birkach vor. Und
bekam für mein Projekt einen großen Raum im Gemeindezentrum, in dem wir uns nun seit 7 Jahren
jeden Montag treffen und heimisch fühlen. Wir sind eine Gruppe von 8-10 Leuten, die im Kern über die
Zeit konstant geblieben ist.
Es geht in der Gruppe nicht um die Vermittlung von Techniken, sondern um begleitetes Malen. Es gibt
keinerlei Vorgaben oder Korrekturen, sondern nur Anregungen von meiner Seite. Das kann zum
Beispiel Malen zu der Musik von Mozart sein oder Malen in der Natur, etwa im Garten in Hohenheim.
Oder auch ein gemeinsamer Museumsbesuch.
Im Laufe der Zeit sind intensive Kontakte unter den Teilnehmern entstanden und auch ein Gefühl
gegenseitiger Verantwortung. Verschiedene Generationen stoßen in der Gruppe aufeinander und
müssen miteinander umgehen. Eine Zeitlang war eine junge Frau mit einer geistigen Behinderung bei
uns, die mit ihrer Begeisterung und ihren Ideen jedes Mal den Raum gefüllt hat. Die anderen
Teilnehmer haben ihr die Aufmerksamkeit gegeben, die sie brauchte. In der letzten Zeit ist eine alte
Dame um die 80 zu uns gestoßen. Sie malt sämtliche Mitglieder ihrer Familie nach Fotografien, ein
ungemein spannendes Projekt.
Wir werden gemeinsam älter und durchleben gemeinsam bestimmte Prozesse. Man spricht auch über
private Themen und hilft einander. Wenn etwa ein älterer Teilnehmer nicht mehr aus eigener Kraft
kommen kann, organisieren andere Fahrgelegenheiten.
Im Laufe der Zeit sind zwei unserer Teilnehmerinnen verstorben. Auch als sie schon schwerkrank
waren, kamen sie zu unseren Treffen. Es hat mich berührt, wie sehr sie sich in der Gruppe wohlfühlen
konnten. Und nach ihrem Tod haben sie etwas hinterlassen, für das ihre Familien sehr dankbar waren:
ihre Bilder.
Mutigsein – das hat für mich etwas mit Leben, Lebendigsein zu tun. Damit, dass man etwas verändert.
Etwas lernt. Sich noch einmal neu erfindet.
Mut muss nicht großartig sein. Manchmal sind es die kleinen Schritte, die ganz viel verändern, für
mich selbst und vielleicht auch für andere Menschen.

Anmerkung: erzählt von Brigitte Rau, aufgeschrieben von Anne-Katrin Hillebrand

©Franziska Molina

 

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