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März 2016

Die Geschichte im März kommt von Katrin.

Eine kleine Mut(-Mach)Geschichte
Eigentlich fühlte Lotta sich nie mutig. Im Gegenteil. Als Kind schüchtern und sensibel fühlte sie sich
zumeist ziemlich einsam. Im Sportunterricht hatte sie Angst über das Pferd zu springen, auch das
Melden im Unterricht fiel ihr schwer. Freunde hatte sie keine, mied Gruppen – das war nichts für sie.
Woanders übernachten, die Eltern ausgegangen, solche Situationen überforderten sie völlig. Sie
fühlte sich unverstanden und vertiefte sich in ihre Bücher, das war ihre Welt. Abenteuer, fremde
Welten, spannende Menschen. Die Gedanken und Gefühle trugen sie auf und davon. Lotta war nun
eine von ihnen, eines der mutigen Kinder, die Streiche ausheckten, fand sich inmitten von Räubern
und Piraten, die um die Welt zogen und einfach taten, was sie wollten, träumte sich in wunderschöne
Landschaften, die ihr Herz erwärmten. Vertrauen hatte sie, den Glauben an etwas Höheres, etwas
Göttliches. Innerlich doch verbunden, äußerlich allein. Gebete halfen gegen Verzweiflung und
Melancholie. Die Uroma starb, als sie acht war. Lotta wollte wissen, was mit ihr passiert. Unbedingt
wollte sie mit zur Beerdigung. Sehen, wie Uroma aussieht. Verstehen, was Tod bedeutet. Mutig,
sagten die anderen.
Mit zwölf spürte sie es bereits – verliebt in eine Frau. Das darf nicht sein, das gibt es nicht. Mit
vierzehn die Krise. Bin ich verrückt? Die Familie – konservativ und bäuerlicher Abstammung, der Ort –
ein Dorf mit Schützen- und Sportverein. Wo gehöre ich hin? Lotta wusste nicht weiter, es wurde
dunkel um sie herum. Etwas meldete sich in ihr, raunte ihr zu, ihre innere Stimme nicht ersticken zu
lassen und mutig ihrem Herzen und ihrer Intuition zu folgen. Nach und nach kam eine Kraft von
irgendwoher, der Glaube, dass vieles doch möglich ist. Irgendwie traute sie sich Risiken einzugehen,
sich in den Vordergrund zu wagen. Sie wurde begeisterte Laienschauspielerin. Genoss es zu anderen
zu werden, Verschiedenheit zu erleben. Mit neunzehn stellte sie sich gegen die Eltern: Studium statt
Ausbildung. Angst vor Ablehnung und Unverständnis klangen mit. Ausgezogen in eine neue Stadt,
Studienbeginn. Aufregend. Herausfordernd. Dann fiel sie durch eine Prüfung. Sollte Lotta
weitermachen? Ein Abwägen führte zur Erkenntnis, dass es richtig war, es nochmal zu probieren. Sie
fühlte sich für weitere Schwierigkeiten des Lebens gewappnet.
Dann doch den Eltern gestehen: Ich liebe eine Frau. Mut aufbringen und für das einzustehen, was ihr
wichtig ist. Gar nicht so leicht, aber es fühlt sich gut an, sich selbst treu zu bleiben. Die Möglichkeit
nahte, ein halbes Jahr im Ausland zu studieren. Lotta, die nicht mal bei Oma und Opa schlafen wollte,
überwand sich. Englisch muss man heutzutage können. Sie fühlte eine tiefe Abenteuerlust und
gleichzeitig eine große Angst vor allem Neuen, keine Kontrolle zu haben, sich im Englischen zu
blamieren. Ein großes Erlebnis mit kleinen Hürden und großen Freuden. Die Einsicht: Etwas Wagemut
verhilft zu innerem Wachstum. Oder im Volksmund: Was mich nicht umbringt, macht mich stark.
Kurz vorm dreißigsten Geburtstag. Der Job passte nicht mehr zu ihr, Lotta hatte sich verändert. Die
Beziehung war am Ende. Das Haus gerade frisch renoviert. Sie musste sich eingestehen, dass sie
sich von einigem trennen musste. Loslassen. Den Mut aufbringen, den Weg zu verändern. Das Leben
zu leben ist Mut – in jedem Augenblick.

 

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©Franziska Molina