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Februar 2016

Die Mutgeschichte im Februar kommt von Dietlind.

Voller Neugier und Offenheit, aber auch von Ängsten und Unsicherheit begleitet, hatte ich mich auf
meine ersten Straßenexerzitien eingelassen. „Geh, wohin dein Herz dich trägt – du brauchst kein
Konzept.“ Diese Botschaft aus einem Traum ließ mich nicht mehr los. Sie setzte mich am folgenden
Tag auf einen Weg, von dem ich reich an Erfahrungen und mit erfülltem Herzen am Abend in unser
Pilgerquartier zurückkehrte.
Ein blauer Himmel und spätsommerlich angenehme Temperaturen locken mich zunächst an die Isar.
Dem Fließen des Wasser zuschauen, meine Füße ins fließende Wasser hängen und einfach nur sein.
Was es wohl mit meinem Traum der letzten Nacht auf sich hat? Als ich nach einer Weile aufstehe, trifft
mein Blick auf einen Mann – seine indianische Abstammung ist unverkennbar. Einige leere
Bierflaschen stehen vor ihm; aus einer anderen nimmt er immer wieder einen Schluck. In mir meldet
sich ein Impuls stehen zu bleiben und diesen Mann anzusprechen. Ich frage ihn, ob ich mich zu ihm
setzen dürfe und ob er deutsch verstehe. Ja, sagt er, und lädt mich ein, mich zu ihm zu setzen. Eine
Begegnung beginnt, unvergesslich und nachhaltig für mich – und für ihn wohl auch.
T. vertraut mir seine ganze Lebensgeschichte an, erzählt von seiner Familie, seinem Scheitern im
Medizinstudium und in seiner Beziehung zur Mutter seines Sohnes. Er macht keinen Hehl aus seinem
Alkoholproblem und erzählt, dass er jetzt seit einem halben Jahr in einem Obdachlosenquartier hier in
der Nähe wohnt. Sichtlich berührt wiederholt er immer wieder: „Dass du mir so einfach zuhörst!“ Trotz
allem, was ich an Schwerem im Leben erlebt habe, das Schicksal hat es doch gut mit mir gemeint.
„Jetzt habe ich dir so viel aus meinem Leben erzählt,“sagt er. Nun müsse ich ihm auch aus meinem
Leben erzählen, von meiner Familie und überhaupt. Ich zögere einen Augenblick. Jetzt gilt es, „meine
Schuhe ein zweites Mal auszuziehen“ – das erste Mal zog ich sie aus, als ich seinem Blick nicht
auswich und mich zu ihm setzte. Ich erzähle vom erst wenige Monate zurückliegenden Tod meiner
Mutter, und dass auch mein Vater und mein Bruder schon über zehn Jahre nicht mehr leben und ich
jetzt noch als einzige aus meiner Herkunftsfamilie am Leben bin.Tränen laufen mir beim Erzählen
übers Gesicht. T. ist voller Anteilnahme, wir umarmen uns spontan und sagen uns gegenseitig unsere
Namen. Ein tief berührender und unvergesslicher Augenblick für uns beide. Wir haben einander
unsere Verletzlichkeit und Heilungsbedürftigkeit gezeigt. T. erzählt mir noch, dass er dringend auf die
Zusage einer Therapie wartet, um vom Alkohol loszukommen, um ein neues Leben zu beginnen.
Ich erinnere mich an den kleinen Schutzengel in meiner Hosentasche, der mich immer begleitet, wenn
ich unterwegs bin. Spontan schenke ich T. den kleinen Engel, sage ihm, dass er ihn jetzt wohl nötiger
brauche als ich. Die Begegnung mit T. hat noch viele Facetten – u.a. der Besuch in der
Obdachlosenunterkunft, wo er derzeit lebt mit seinen wenigen Habseligkeiten. Schließlich
verabschiede ich mich von T., erfüllt, innerlich reich beschenkt durch eine ungewöhnliche, sehr
kostbare Begegnung. Mir kommen die wenigen Stunden fast wie eine Woche vor, weil ich so viel
erlebt habe; meine mir vertraute Welt verließ, Klischees und Vorurteile abgelegte. Nachdem meine
Achtsamkeit durch die voraufgegangenen Tage bei den Straßenexerzitien gewachsen war, konnte ich
die Botschaft meines Traumes in der Nacht zuvor umsetzen und tatsächlich ohne Konzept losgehen
und der Stimme meines Herzens vertrauen. Hier war das göttliche Geheimnis mit im Spiel!

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MS_083©Franziska Molina