Keine Gefahr scheuend, geht es darauf los …

Sind Frauen eigentlich anders mutig als Männer? Das Damen Conversations Lexikon meint vor 179 Jahren noch:

Muth, die Kraftäußerung der Seele bei Hindernissen oder Gefahren. Ist derselbe eine unerläßliche Eigenschaft des Mannes, so fehlt es auch in der Geschichte des zarten Geschlechtes nicht an Beispielen dieser innern Starke. Sie anzuführen, reichten Bände nicht hin. In allen Verhältnissen des Lebens bethätigt sich der weibliche Muth. Dieser aber äußert sich, nach den Gesetzen der Natur, anders als der männliche; nicht wie dieser, oder nur selten, im raschen Fortschreiten, im Sturme gegen den Widerstand, im unausgesetzten Kampfe gegen alle Hemmnisse, sondern in – Ausdauer, in unerschütterlichem Glauben, in rücksichtloser Hingebung an das einmal mit Liebe Erfaßte oder durch Ueberzeugung Gewonnene. Streitlust, oft Haß, ist das Hauptelement des männlichen; Friedensneigung, Liebe das des weiblichen Muthes. Das liebende Weib opfert sich, oder vielmehr, hält nichts für ein Opfer, was zum Ziele führt, das sich die begeisterte Empfindung vorgesteckt; keine Gefahr scheuend, geht es darauf los, den Blick zum Himmel und nicht zum Abgrunde, der seinen Weg begrenzt. Ist der Mann der Streiter auf dem Felde seiner Ueberzeugung, so folgt sie ihm als Arzt durch tausendfach drohenden Tod.

Quelle: Muth. In: Damen Conversations Lexikon, Band 7. [o.O.] 1836, S. 329-330.

Füße

© Franziska Molina

7 Kommentare zu “Keine Gefahr scheuend, geht es darauf los …

  1. Ich unterbreche mal meine profanen feiertäglichen Aktivitäten
    wie „Geschirrspüler ausräumen“, „Wäsche aufhängen“ und „Putzen“
    um folgende Zeilen schreiben.

    Zunächst ist es schön, dass kluge und moderne Frauen Konversationslexika des 19. Jahrhundert lesen. Neben zugegebenermaßen viel Unsinn und Zeitbezogenem stehen da nämlich auch gescheite(re) Dinge drinnen, über die Mann und Frau damals unterrichtet sein mussten, um nicht in einem Gespräch als komplete Ignoranten da zustehen.
    Konversationslexika werden heute so gut wie nicht mehr nicht verlegt was wahrscheinlich daran liegt wie banal das geworden ist, worüber sich die Menschen heutzutage in der Regel unterhalten.

    Ich bin nicht so mutig und fühle mich auch nicht kompetent genug, mich über weiblichen
    Mut im allgemeinen zu äußern. Ich beschränke mich darauf, jemanden zu zitieren, der sein ganzes Lebens über Frauen nachgedacht hat und neben krassesten Fehlurteilen die bezauberndsten Dinge über sie geschrieben hat.

    Er stellt seinen Ausführungen über den Mut der Frauen ( dem er ein eigenes Kapitel widmet ) folgendes Zitat aus Walter Scott’s Ivanhoe voraus

    „Ich sage Euch, stolzer Templer, nicht in Euren heißesten Schlachten
    habt ihr mehr von euerem gepriesenen Mut gezeigt, als ein Weib zeigte,
    das Liebe oder Pflicht zum Leiden beriefen“

    Er beginnt sein Kapitel wie folgt

    „Ich erinnere mich in einem historischen Buch auf folgende Wendung
    gestoßen zu sein : ‚Alle Männer verloren den Kopf; das ist der Augenblick, wo die
    Frauen eine unbestreitbare Überlegenheit über sie erlangten‘ “

    und fährt dann fort

    „Ihr Mut hat einen Rückhalt der dem Mut ihres Liebhabers fehlt; sie sind gereizt in ihrer
    Eigenliebe durch den Geliebten und finden Genuss darin, es im Feuer der Gefahr an Festigkeit mit dem Mann aufzunehmen. der sie häufig verletzt durch den Hochmut seines Schutzes und seiner Kraft; die Stärke dieses Genusses hebt sie über alle Furcht hinweg, die in diesem Moment die Männer schwach macht“

    Wenig später schreibt er

    “ Ich hatte Gelegenheit, Frauen den tapfersten Männern überlegen zu sehen. Nur müssen
    sie einen Mann zu lieben haben; da sie dann nur noch durch ihn fühlen, wird die unmittelbarste persönliche Gefahr so entsetzlich sie auch sein mag, für sie zu einer Rose, die sie in seiner Gegenwart pflücken“

    Natürlich ist das alles zeitbedingt und natürlich schimmert männlicher machismo fast durch
    jede Zeile hindurch. Gott sei Dank hat sich das Leben der Frauen geändert. Anders als es im 19. Jahrhundert die Regel war, gibt es heute ein autonomes Frauenleben und Frauen definieren sich nicht mehr durch die Männer (und können mutig ohne Männer sein).

    Aber ein bisschen was ist dran, dass bei Frauen Mut und Liebe viel näher und häufiger zusammengehören als bei Männern.

    PS: Der zitierte Autor ist Stendhal, der als einer der wenigen Schriftsteller von Simone de Beauvoir in ihrem „Deuxième Sexe“ ( deutsch „Das andere Geschlecht“ ) uneingeschränkt positiv beurteilt wurde , und sein Buch , aus dem das Zitat stammt , heißt – wie könnte es anders heißen – „De l’amour“

  2. danke, Ulrich ! … auch ich liebe und verehre Frauen …. echte Frauen, die sich im Gewirr der Manipulation ihre echt weiblichen Stärken bewahrt haben …. bin nicht zu stolz, das weibliche Geschlecht als das überlegene anzuerkennen ….. wenn`s denn echte Frauen sind und wären … ein Graus sind mir die „Mannsweiber“ … lasst euch nicht verführen, Mädels ! 😉

  3. …. komm`ich doch glatt malwieder in´s „Philosophieren“ …. hahaha ! …. will nun keineswegs mich und „den Mann“ in einem masochistischen Akt deklassifizieren – wir haben schon unseren berechtigten Platz im „Weltentheater“ …. aber … tief drinnen wissen wir, dass wir letztlich genetisch verhinderte Frauen sind ….. daher das agressive Auftreten …. der „Machoismus“ … es ist bekannt, dass die kleinsten und schwächsten Hunde am lautesten kleffen 😀 ….. eine Frau kann notfalls auch ein unbefruchtetes Ei ausbrüten … die Tierwelt bietet viele Beispiele …. „Männe“ kann immer nur seinen (nicht wertlosen) „Senf“ dazugeben …. muss uns genügen …. wer noch nie einen Spross im eigenen Leibe ausgetragen hat, weiss nicht, was echte Liebe ist.

  4. You made my day, Wolfgang :
    „Generisch verhinderte Frau“ …. das gefällt mir !
    Das werde ich in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen, das exkulpiert
    mich in ganz wunderbarer Weise jedes Mal, wenn
    ich in den Augen einer klugen Frau eine Dummheit mache. 😉

  5. Vielleicht ist hier der Platz über Antigone zu reden.

    Die Darstellung in wikipedia ist ein bisschen verwirrend,
    deshalb fasse ich es mal zusammen ( hoffentlich ist mir kein wesentliche Aspekt entgangen )
    Polyneikes und Eteokles, Antigone und Ismene sind Geschwister
    Polyneikes und Eteokles vereinbaren, dass sie abwechselnd das griechische Theben regieren
    Eteokles hält sich aber nicht daran. die Macht abzugeben, worauf Polyneikes Theben verlässt und ein Heer von Fremden und Feinden Thebens gegen die Stadt sammelt. In der folgenden Schlacht um Theben fallen beide Brüder im Zweikampf gegeneinander. Während Eteokles ehrenhaft bestattet werden kann, verweigert Kreon, der (Groß-)Onkel der Geschwister und der neue Machthaber von Theben, dem Polyneikes , den er als Verräter ansieht, das Begräbnis ( und das Grabmal ) . Er mag dafür nachvollziehbare Gründe gehabt haben, das Begräbnis zu verweigern , er wollte keinen Erinnerungsort für einen Insurgenten und damit keinen Anknüpfungspunkt für zukünftige Aufstände schaffen und um dies zu verhindern, beschlagnahmt er die Leiche und stellt jeden unter Strafe, der sie begraben will.

    Antigone widersetzt sich Kreon und seiner Anordnung , bemächtigt sich der Leiche und bestattet ihn ehrenhaft. Obwohl sich ihre Schwester Ismene ( die bereit ist Antigones Strafe zu teilen, was diese empört zurückweist ) ja sogar Kreons Frau für sie einsetzt, verhängt Kreon eine drakonische Strafe: er lässt Antigone bei lebendigem Leib und mit Lebensmittel als Verpflegung oder Grabbeilagen in ein Grabgewölbe einmauern. Antigone verzweifelt an der Möglichkeit, noch begnadigt zu werden ( ein Option die sich vielleicht Kreon sich noch offen gehalten hat ) und begeht Selbstmord.

    Die Katastrophe endet noch nicht. Der Verlobte Antigones und Sohn Kreons, der sie befreien will, findet sie tot und begeht über ihrer Leiche Selbstmord, seine Mutter , als sie davon erfährt ebenfalls. Der erschütterte Kreon erkennt, dass es sein Schuld war dass sein Prinzip „fiat iustitia“ sich so schrecklich gegen ihn gewendet hat und „seine Welt“ zum Untergang gebracht hat.

    Es ist der Konflikt zwischen dem Gewissen und dem Gesetz, bei dem Antigone
    nicht anderes handeln kann, als den Mut aufzubringen, ihrem Gewissen, ihrer religiösen
    Pflicht, ihrer Verantwortung und ihrer Liebe zu ihrem Bruder zu folgen, und die letzte Konsequenz für sich zu ziehen.

    Ich denke dass das kein Zufall ist dass sich hier eine Frau mit Gewissen einem
    Mann des Gesetzes gegenüberstehen. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen, aber ich
    glaube, Frauen denken eher moralisch, Männer eher politisch, Frauen denken induktiv und vom Einzelfall her, Männer deduktiv und vom Allgemeinen. ( Jetzt muss ich aber mit diesen Ausführungen aufhören, weil ich ein bedrohliches Stirnrunzeln bei den schönen Leserinnen vermute )

    Machen wir das Gedankenexperiment und vertauschen wir die Geschlechter, stellen wir in den selben Umständen einen Antigonos einer Kreone gegenüber.
    Vielleicht hätte die Kreone ähnliche Gesetze
    erlassen, aber sie hätte sie vielleicht flexibler , ich bin fast geeignet zu sagen,
    merkelsk, ausgelegt und gehandhabt. .
    Hätte der Antigonos den gleichen Mut gezeigt und genauso gehandelt ? Ich glaube nicht.
    Er hätte sich der Hierarchie und dem law and order unterworfen, er hätte nach dem
    Prinzip des Befehl und Gehorsams gehandelt und sich mit dem old boys‘ network arrangiert .

    Ich bin überzeugt, dass der Mut Antigones spezifisch weiblich ist,

    Ich erinnere mich an den Herbst 77. Damals gab es viele Stimmen, die forderten, den in Stuttgart-Stammheim umgekommenen RAF-Mitgliedern ein Begräbnis in Stuttgart zu verweigern. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Rommel widerstand dem und erlaubte mit den Worten „Irgendwo muss jede Feindschaft enden; und für mich endet sie in diesem Fall beim Tod“ die gemeinsame Beisetzung.

    Man möchte sich mehr von diesem antikreonischen Mut auch in weniger bewegten Zeiten und nicht nur bei Politikern wünschen.

  6. Ein interessanter Aspekt > Induktives vs deduktives Denken und Handeln .
    Da ist was dran …..

    Während induktives Handeln sehr mutig sein kann, ist eine Überreglementierung mittels meterdicken Gesetzesbüchern ein unverkennbares Zeichen der Feigheit – traut sie doch den Menschen gewissenhaftes Handeln aus eigenem Antrieb nicht zu .

    Darüber hinaus können starre , nicht „dehnbare“ Gesetze der Vielfalt menschlichen Denkens und Handelns nicht gerecht werden . Wir sind in unseren Eigenschaften glücklicherweise nicht genormt .

    Also wäre etwas mehr Anarchie im Alltag evtl ein Fortschritt ?

    Anarchie gepaart mit Gewissen und Werten muss nicht destruktiv sein .

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