Das Kriegsende vor 70 Jahren – eine Landärztin erzählt

Würde meine Großmutter noch leben, wäre sie die erste, die ich um eine Mut-Geschichte bitten würde. Sie ist nun schon seit fast 20 Jahren tot, aber glücklicherweise hat sie in ihren letzten Lebensjahren ganz viele Erinnerungen aufgeschrieben – eine hochspannende Lektüre, über die ich mich immer wieder freue.

Meine Großmutter hatte Medizin studiert, aber nicht mehr selbst praktiziert, seitdem mein Großvater 1938 eine Arztpraxis auf dem Dorf übernommen hatte. Danach assistierte sie ihm allenfalls und kümmert sich sonst um Haus und Kinder. Während des Krieges wurde die medizinische Versorgung auf dem Lande immer schwieriger, die Ärzte, auch mein Großvater, waren im Krieg. Meine Großmutter wurde gedrängt, die Praxis ihres Mannes zu übernehmen. Als Frau mit 3 kleinen Kindern. Sie hatte große Bedenken, da ihr die Erfahrung fehlte. Schließlich gab sie nach. Es wurde die schönste Zeit ihres Lebens.

Sie machte Hausbesuche auf den einsamen Bauerhöfen, radelte über Land, wenn das rationierte Benzin ausgegangen war, hatte keine Angst vor Fliegerangriffen und versorgte auch die Kriegsgefangenen in den Lagern medizinisch. Sie stellte sich jeden Tag neuen Herausforderungen, konnte sich beweisen, über sich hinauswachsen. Innerhalb ihres Wirkungskreises konnte sie ihre Werte leben, trotz Krieg und trotz Diktatur. Sie behandelte die „Feinde“ genauso wie ihre deutschen Patienten und bekam von beiden viel Anerkennung und Zuwendung.

Vom Kriegsende in Scheeßel berichtet sie:

„Am 20. April 1945 (Führers Geburtstag, der erstmalig auch offiziell nicht mehr gefeiert wurde) mußte ich eine Patientin besuchen, der ich einige Tage vorher bei Nacht eine Kopfwunde genäht hatte. Es war Stromsperre, ich hatte nicht ausreichend sterilisieren können und mußte damit rechnen, daß die Wunde infiziert war. Wegen der Tiefflieger fuhr Herr Rißmann mich nur in der Morgendämmerung. Sein Sohn Georg saß vorn auf dem Kotflügel, ich beobachtete den Himmel durchs Hinterfenster. Am 20. April kam Herr Rißmann nicht wie verabredet um 6 h. Ich radelte zu ihm: „So verrückt sind nur Sie, der Engländer ist im Anmarsch.“ Aber er fügte sich mir. In Helvesiek waren die Panzersperren schon geschlossen. Rißmann durfte bleiben. Ich kletterte über die Sperre und wanderte allein zu dem Wäldchen, in dem meine Patientin in einem Jagdhäuschen wohnte. Die Wunde war entzündet, ich mußte die Fäden wieder ziehen. Ich ließ ihr Verbandszeug und Salbe da, ich könnte nicht wiederkommen. Die feindliche Artillerie bummerte immer näher. Wie erleichtert war ich, als ich über die Sperre zurückklettern konnte. Die Bäuerin an der Dorfstraße schenkte mir all ihre Eier: „Die Engländer nehmen sie mir doch weg. Lieber schenke ich sie Ihnen.“ Die Polizei in Scheeßel wollte mich in den nächsten Keller schicken; ließ sich aber erweichen und ließ mich zu meinen Kindern. Die waren im Keller unter der verläßlichen Obhut meiner treuen Frau Wagner und Else Meyer. Kurz darauf vernahm ich zum ersten Mal das Dröhnen der Panzer. Zwei Engländer klingelten an der Haustür. Ich nahm Christoph an die Hand und öffnete. Mit Christoph führte ich sie durch alle Räume. Sie suchten nach Waffen und versteckten Soldaten. Die Pistole hielten sie mit Tuchfühlung an meinen Rücken. Ich hatte keine Angst.“

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