Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Jüngling und Tod

Foto: A.-K. Hillebrand

Kann man denn eigentlich mutig sein, wenn man keine Angst kennt?

Der jüngste Sohn im Grimmschen Märchen geht mit seiner Naivität allen gehörig auf die Nerven. Er kriegt nichts so recht auf die Reihe, aber das stört ihn weniger als die Tatsache, dass er nicht weiß, was Gruseln ist: „Ei Vater, antwortete er, ich will gern was lernen; ja, wenns anging, so mögte ich lernen, daß mirs gruselte, davon versteh ich noch gar nichts.“

Der Küster meint helfen zu können, lässt den Sohn nachts die Glocken im Kirchturm läuten und versucht ihn im Dunkeln zu erschrecken. Den Sohn beeindruckt das gar nicht, er stößt das „Gespenst“ einfach aus dem Fenster in den Tod.

Dem Vater ist der merkbefreite Sohn peinlich, er gibt ihm 50 Taler und schickt ihn weg. Der will das Geld gleich investieren in eine Selbsterfahrung mit Gruselfaktor und folgt dem Rat eines Fremden, sich unter den Galgen zu setzen:

Und weil ihn fror, machte er sich ein Feuer an, aber um Mitternacht gieng der Wind so kalt, daß es trotz des Feuers nicht warm werden wollte. Und als der Wind die Gehenkten gegen einander stieß, das sie sich hin und her bewegten, so dachte er „du frierst unten bei dem Feuer, was mögen die da oben erst frieren und zappeln.“ Und weil er mitleidig war, legte er die Leiter an, stieg hinauf, knüpfte einen nach dem andern los, und holte sie alle siebene herab. Darauf schürte er das Feuer, und blies es an, und setzte sie rings herum, daß sie sich wärmen sollten. Aber sie saßen da, und regten sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Kleider. Da sprach er „nehmt euch in Acht, sonst häng ich euch wieder hinauf.“ Die Todten aber hörten nicht, schwiegen, und ließen ihre Lumpen fort brennen. Da ward er bös, und sprach „wenn ihr nicht Acht geben wollt, so kann ich euch nicht helfen, ich will nicht mit euch verbrennen,“ und hieng sie nach der Reihe wieder hinauf. Nun setzte er sich zu seinem Feuer, und schlief ein, und am andern Morgen, da kam der Mann zu ihm, wollte die funfzig Thaler haben, und sprach „nun, weißt du was gruseln ist?“ „Nein,“ antwortete er, „woher sollte ichs wissen? die da droben haben das Maul nicht aufgethan, und waren so dumm, daß sie die paar alten Lappen, die sie am Leibe haben, brennen ließen.“ Da sah der Mann daß er die funfzig Thaler heute nicht davon tragen würde, gieng fort, und sprach „so einer ist mir noch nicht vorgekommen.“

Während seiner Wanderschaft besteht der „Held“ allerlei weitere Mutproben,die allesamt mit dem Thema Tod zu tun haben: Er kegelt zusammen mit Gespenstern mit Schädeln und Gebeinen, legt sich zu seinem toten Vetter ins Bett, bis dieser erwacht, und wird von einem Riesen mit dem Tod bedroht.

Durch seine Furchtlosigkeit und Schlagfertigkeit erlöst er ein verwünschtes Schloss, erringt einen Schatz und bekommt die Prinzessin als Frau, ist aber immer noch unzufrieden, weil er das Gruseln nicht kennt. Da hilft die Kammerfrau

und ließ sich einen ganzen Eimer voll Gründlinge holen. Und Nachts als der junge König schlief, mußte seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen, und den Eimer voll kalt Wasser mit den Gründlingen über ihn herschütten, daß die kleinen Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief „ach was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich was gruseln ist.“

Und wobei gruselt Ihr Euch …?

Quelle: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Ein Kommentar zu “Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

  1. Woooow, ich habe beim Lesen Gänsehaut bekommen.

    Mich Gruselt es vor so vielen kleinen Dingen. Aber am meiste Gruselt es mich, wenn ich wo im Dunkeln laufen müsste und nicht wüsste wo hinten und vorne wäre. Schnell an was schönes Denken um die Gänsehaut weg zu bekommen 😉

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